Neuer Lebensraum an der Ems Charakter eines Kanals

Renaturierung in Greffen steht bevor / Informationsabend im Bürgerhaus

29.10.2009

VON GUITANO DARHOVEN
© 2009 Neue Westfälische
Gütersloher Zeitung, Donnerstag 29. Oktober 2009

Harsewinkel-Greffen. Am liebsten würden viele alles so lassen, wie es ist. Mit Skepsis und Zurückhaltung haben am Montag 52 Zuhörer den vom CDU-Ortsverband Greffen im Bürgerhaus initiierten Vortrag von Peter Bosse verfolgt. Der Diplom-Ingenieur von der Abteilung Tiefbau des Kreises Gütersloh berichtete über die bevorstehende Renaturierungsmaßnahmen der Ems.

Im Kreis Gütersloh sind Teilstücke der mehr als 55 Kilometer Länge betroffen. In Greffen und Harsewinkel solle noch in diesem Jahr mit der ersten von insgesamt zwei Maßnahmen begonnen werden, so Bosse. Das Vorhaben wird Anfang Dezember dem Umweltausschuss vorgestellt. Die Einspruchsfrist endet am 30. Oktober. „Es kann nicht alles so bleiben, wie es ist. Denn wir sind gesetzlich verpflichtet zu handeln“, erklärte Bosse, der aber Verständnis für die ablehnende Haltung hat: „Wir müssen einen guten Konsens mit dem Bürger finden“. Der Greffener CDU-Ortsverbandsvorsitzende Peter Thüte begrüßte die bevorstehende Maßnahme. „ Das sind rund 500 Meter, wo die Ems in Greffen um 20 Meter breiter wird. Das ist keine große Naturschutzmaßnahme, und auch der Gehweg wird beibehalten. Wenn alles fertig ist, wird das schon ordentlich aussehen“.

Häufig trat die Ems, die im östlichen Grenzbezirk des Kreises Gütersloh entspringt, vor ihrer Regulierung in den 30er und 40er Jahren nach heftigen Regenfällen über ihre Ufer und verwandelte die Wiesen zur Seenlandschaft. Die Begradigung und Regulierung der Flüsse und Bäche schien aus damaliger Sicht der einzig möglicher Weg, um den wiederkehrenden Naturkatastrophen Herr zu werden. Seit 1938 fließt die Ems in ihrem heutigen Verlauf. Zwischen 1910 bis 1935 wurde die Ems durch Aufstau, Vertiefungen und Begradigungen an vielen Stellen ruhig gestellt, kanalisiert und von ursprünglichen Ufern und Auen abgetrennt, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 geschah dies durch den Arbeitsdienst.

Mit dem Programm „Lebendige Gewässer“ sollen in NRW bis zum Jahr 2027 2,1 Milliarden Euro in den Gewässerschutz investiert werden. Das Land reagiert damit auf eine Forderung der EU, die die Wasserrahmenrichtlinien verschärft hat. „Frei fließende Flüsse haben einen hohen ökologischen Wert. Die Durchgängigkeit der Flüsse für wandernde Fische muss wiederhergestellt werden. Für den Natur- und Hochwasserschutz sollen natürliche Auen reaktiviert und Flusstäler, wo immer möglich, renaturiert werden“ heißt es in einer der umweltrelevanten Formulierungen des Koalitionsvertrages des Landes.

Der gute Zustand für die Ems soll bereits 2015 wieder hergestellt sein. Im Renaturierungsplan für den Emsverlauf zwischen Greffen und Harsewinkel sind zwei Teilstücke von jeweils rund 500 Metern verzeichnet, die wieder in einen natürlichen Lauf gebracht werden sollen. Betroffen sind Bereiche der Überems in Harsewinkel und am Ortsausgang in Greffen, Nähe der Brambrücke, in Richtung Beelen. „Wann das erste Teilstück renaturiert ist, kann man schlecht sagen, denn das ist auch immer witterungsabhängig. So müssen wir beispielsweise Boden durch die Ems transportieren, was bei Hochwasser nicht möglich ist. Wir brauchen also ruhige Wetterlagen, so dass sich die Arbeiten durchaus bis in den nächsten Sommer ziehen können“, erklärte Bosse. Die Aufträge für die Renaturierung der ersten Maßnahme in Greffen würden in Kürze vergeben. „In Harsewinkel steht die betroffene Fläche noch nicht zur Verfügung“, so Bosse. Die Kosten von jeweils 150.000 Euro werden zu 80 Prozent aus Landesmitteln bezahlt. Die restlichen 20 Prozent der Mischfinanzierung kommen unter anderem vom Kreis und der Stadt.

Die Regulierung und Begradigung eines Flusses ist ein Eingriff, das das gesamte ökologische System im und am Gewässer aus dem Gleichgewicht bringt. Die Ems ist ein gutes Beispiel für diese Fehlentwicklungen. Vor 100 Jahren hatte sie innerhalb des Wiesentales einen sehr unregelmäßigen Lauf mit häufig wiederkehrenden Krümmungen. Heute verläuft die Ems annähernd gradlinig und hat eher den Charakter eines Kanals als den eines Flusses. Die Veränderungen des Ems-Ökosystems sind gravierend: Feuchtwiesenbereiche finden sich heute nur noch als kleine Restflächen, an den Ufern wachsen Pflanzenarten, die eher einem Stillwasser zuzuordnen sind. Der früher ausgeprägte Fischreichtum ist heute nicht mehr anzutreffen. Die Ems wird nur noch von Fischarten bevölkert, die keine hohen Ansprüche an die Wasserqualität und die Strukturvielfalt ihres Lebensraumes stellen.

© 2009 Neue Westfälische
Gütersloher Zeitung, Donnerstag 29. Oktober 2009

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