Die Würde des Menschen ist unantastbar!

Herbert Brandt spricht zum Volkstrauertag

„Kriege fallen nicht vom Himmel. Sie wurden und werden von Menschen gemacht“, erklärte Herbert Brandt. Bild: Darhoven
„Kriege fallen nicht vom Himmel. Sie wurden und werden von Menschen gemacht“, erklärte Herbert Brandt. Bild: Darhoven
15.11.2009
Bundesweit wurde am Sonntag der Volkstrauertag begangen. So auch in Harsewinkel. Mit Kranzniederlegungen und Ansprachen werden der Kriegstoten und Opfer von Gewaltherrschaft in allen Nationen gedacht. Zugegen am Ehrenmal in Harsewinkel waren Abordnungen des Schützenvereins St. Hubertus sowie des Bürgerschützen- und Heimatvereins (BSV) sowie die Kameradschaft ehemaliger Soldaten (KeS), die Freiwillige Feuerwehr und  Vertreter von Rat und Verwaltung. Der Männergesangverein Harsewinkel, das Kolpingorchester und der Spielmannszug begleiteten das Ehrengedenken musikalisch. Herbert Brandt, langjähriges CDU-Mitglied und Träger des BSV-Heimatorden sprach in diesem Jahr die Gedenkrede:

.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
..

Frau Bürgermeisterin,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Im Jubiläumsjahr der Varusschlacht hat die Stadt des westfälischen Friedens, Osnabrück, in ihrem Fußgängerbereich etliche metallene Stelen aufstellen lassen mit eingestanzten Schriftzügen unter dem Oberbegriff „Zweitausend Jahre Schlachten“.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, den üblichen Bogen etwas weiter zu spannen und anhand einiger Beispiele diese 2000 Jahre versuchen zu beleuchten.

Hekatomben von Blut und Tränen sind geflossen in dieser überschaubaren Zeit, zahllose Kriege, Schlachten, menschliche Tragödien unvorstellbaren Ausmaßes zu verzeichnen.

Kriege fallen aber nicht vom Himmel, sie wurden und werden von Menschen gemacht, aus Machtbesessenheit, Größenwahn, Verantwortungslosigkeit, Fanatismus, Übermut, Hasstrieb, Rachegelüste und Unfähigkeit der Herrschenden.

Am Anfang unserer Betrachtung stehen die 15.000 römischen Soldaten, die in diesen Wochen vor genau 2.000 Jahren nicht weit von hier, unerwartet ihr Leben verloren. Was hatten die Römer in Germanien zu suchen? Auch Kaiser Augustus, der Urheber, war nur ein Mensch.

Am Wege  Karls des Großen lagen 4.500 Menschen, die er aus nichtigen Gründen skrupellos abschlachten ließ.

Viel Leid und Tod brachte der 30-jährige Krieg für die geschundene Bevölkerung, die sich zusammen mit der Pest auf wenige Millionen reduzierte. Was hatten die Schweden in Deutschland zu suchen?

Ein weiterer „Großer“, Friedrich, würde sich im Grabe umdrehen wenn er wüsste, dass sein in mehreren Kriegen mit viel Blut „erworbenes“ Schlesien, 200 Jahre später durch einen Federstrich in Potsdam wieder verloren ging. Einige dadurch persönlich Betroffene sind mitten unter uns. Wir teilen ihren Schmerz um die verlorene Heimat.

Napoleon, der sich hochmütig selbst die Kaiserkrone aufsetzte, zog eine breite Blutspur durch ganz Europa und darüber hinaus. Was hatten die Franzosen in Russland und Ägypten zu suchen? Sein überlieferter Ausspruch „ 1 Million tote Soldaten scheren mich einen Dreck“ muss man nicht kommentiert werden. Gut, dass die Völker bei Leipzig und Waterloo diesem menschenverachtenden Tyrannen die Grenzen gezeigt haben.

In unseren Schulbüchern stand zu lesen, dass der 1. Weltkrieg zwei Millionen deutsche Kriegstote gefordert hat, insgesamt neun Millionen. Eine eindeutige Antwort auf die Frage „Warum?“ gibt es nicht, die Welt wurde danach nicht besser. In einer neun monatigen mörderischen Schlacht um Verdun 1916 verbluteten 350.000 Soldaten auf beiden Seiten mit dem Ergebnis, dass sich der Frontverlauf am Ende des fürchterlichen Gemetzels nur um wenige Meter verändert hatte. War Arroganz der Befehlshaber so viel Blut wert?

Der deutsche Napoleon des 20. Jahrhunderts, der sich in seiner Überheblichkeit nur mit „mein Führer“ anreden ließ, brauchte nur 12 Jahre, um unser schönes Land in einen großen Trümmerhaufen zu verwandeln. Darüber liegen diesmal 4,5 Millionen deutsche Kriegstote, grob geschätzt, denn niemand weiß, wie viele Menschen in Dresden verbrannten oder mit der „Wilhelm Gustlow“ untergingen. Weltweit zählte man 55 Millionen, einschließlich der 6 Millionen, die in den Gaskammern der Teufelsknechte endeten. Was hatten die Deutschen in Stalingrad zu suchen?
Von einer ganzen Armee kamen 10/12 Jahre später ein paar Hundert zurück. Einmalig in der Kriegsgeschichte war das Leiden der Zivilbevölkerung in den Bombennächten und auf den winterlichen Fluchtstraßen. Kaum eine Familie, die nicht in irgendeiner Weise die Sinnlosigkeit des totalen Krieges erleiden musste, manche mehrfach und etliche wurden ganz ausgelöscht. Unser Volk ist gut beraten, diesen Tag der Trauer anzulegen und der vielen bekannten und unbekannten Opfer zu gedenken. Auch wenn das Geschehen schon lange zurück liegt, dürfen wir es nicht verdrängen. Es soll uns heute noch erschüttern, ohne neue Wunden aufzureißen. Stille und Demut sind angesagt. Gleichgültigkeit ist der Feind des Friedens.

Der größte Feind des Menschen ist der Mensch. Diese Erkenntnis steht auch über dem Rest des 20. Jahrhunderts, das mit 100 Millionen Kriegstoten, über ein Drittel davon Zivilisten, alles Vorhergesehene in den Schatten stellt.
Woher nahm Präsident Truman das Recht, Atombomben auf offene Großstätte abwerfen zu lassen mit programmiertem hunderttausendfachen Tod und Sichtum für unschuldige Menschen?

Irgendwo auf der Erdkugel war immer Krieg, waren hungernde Flüchtlingskolonnen unterwegs. Seit 1945 zählten die Historiker 138 Kriege, allein in diesem Jahr 33.

In der jüdischen Thora steht seit Jahrtausenden die These: „Jeder Mensch ist eine ganze Welt. Wer einen Menschen tötet, zerstört eine ganze Welt!“ Fernsehend haben wir weggeschaut, als noch vor 15 Jahren auf dem Balkan, zum Teil wegen so genannter ethnischer Säuberung (H. Karazic) vieltausendfach Welten zerstört wurden.

Wir verurteilen den Terror des 11. September mit seinen 3.000 Toten und gedenken mit Abscheu der Opfer allgegenwärtiger barbarischer Anschläge in der krisengeschüttelten Nahostregion.

Ein Ereignis stimmt uns froh in diesen Wochen, der 20. Jahrestag des Mauerfalls.
Wir erinnern uns gern der von freiheitsliebenden Menschen initiierten unblutigen Revolution 1989. In unser Gedenken schließen wir mit ein die Opfer der Diktaturen und des Widerstands, sowie jene 136 (oder mehr?), die an der Mauer verblutenden. Wir betrauern auch die bei Auslandseinsätzen gefallenen Soldaten der Bundeswehr.

Letzte Frage: Was haben die Deutschen in Afghanistan zu suchen? Unsere Politiker basteln noch einer schlüssigen Antwort, währende des Volkes Mehrheit längst entschieden hat.

Zurück zu den Stelen in Osnabrück, die alle an zentraler Stelle mahnde Worte eines holländischen Widerstandskämpfers herausstellen: Damals nicht – jetzt nicht – niemals.
Als Kontrast wählte man gegenüberliegend überlieferte Weisheiten verschiedener Philosophen aus der Römerzeit. Eine Auswahl zum Nachdenken, denn zu Kaisers und Führers Zeiten hörte sich manches ähnlich an:

  • Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben.
  • Der Soldat wünscht Krieg, wenn er Rhum wünscht.
  • Sie wollen lieber sterben, als ihre Ehre verlieren.
  • Nicht zu feige war er, für seine Heimat zu sterben.
  • Wenn das Schicksal es will, sterbe ich gern in der Schlacht.
  • Unwürdig ist es, Kriege nicht zu Ende zu führen.
  • Tod oder herrlicher Sieg.

Schlimm,, was in den Köpfen jener biblischen Autoren vorging, schlimmer noch, dass die Verherrlichung der Kriege wie ein Virus die Zeit überdauerte.
Gut, dass solche heute nicht mehr vermittelbaren Parolen endlich auf dem Müllhaufen der Geschichte landeten.

Gleiches gilt für die kontinuierlich in jedem Krieg aktivierte Lüge von der stolzen Trauer. Die Mütter und Frauen waren nicht stolz, als die Todesnachricht von der Front eintraf. Sie weinten bitterlich.

Mein Vater musste noch auf Franzosen schießen, die er nicht kannte und die ihm nichts getan hatten.
Mein älterer Bruder musste 25 Jahre später auf Engländer schießen, die er ebenso wenig kannte – und kam selbst dabei um.

Wir alle möchten, dass unsere Enkel und Urenkel niemals auf irgendjemanden schießen müssen und das es ihnen erspart bleibt, zu erleben, wie Feuer vom Himmel fällt.

Die Stimme der Kriegsgeneration wird bald verstummen. Ihre beschwörende Botschaft aber, niemals wieder, muss weitergegeben werden von Generation zu Generation. Deshalb ist auch nach 70 Jahren ein Tag wie der heutige so wichtig, ja unverzichtbar.

Meine Damen und Herren,
die Menschheit des gerade begonnenen 3. Jahrtausends wird andere Probleme haben und bekommen, als sich gegenseitig umzubringen.

Niemals wieder dürfen Menschen versuchen, sich zu Göttern zu erheben!

Vielleicht ist es eine Vision:
Es gibt ein Leitmotiv für eine Zukunft ohne Blutvergießen:
Es müssen nur die Regierenden dieser Welt und alle vernunftbegabten Menschen den §1 unserer Verfassung beherzigen und zum Mittelpunkt ihres Handelns machen, sechs Worte, die die Welt verändern können nach zwei blutdürstigen Jahrtausenden, die uns mit Scham erfüllen sollten:

Die Würde des Menschen ist unantastbar!

Inhaltsverzeichnis
Nach oben