29.09.2005

Sprechzettel der Ministerin für Schule und Weiterbildung, Barbara Sommer

Anlässlich der Pressekonferenz zum Thema

"Ganztagsangebote in der Hauptschule"

am 29.09.2005 im Düsseldorfer Landtag

- Es gilt das gesprochene Wort -

Link zum Original.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

das Thema, das mir besonders am Herzen liegt, ist die Qualitätsverbesserung der Hauptschulen in unserem Land. Eine gezielte Unterstützung und Förderung ist nötig. Nur so lassen sich die Qualitätsmängel beseitigen, die uns durch die PISA-Studien bescheinigt worden sind. Nur so lassen sich die Leistungen der Schülerinnen und Schüler auf lange Sicht wieder spürbar verbessern.

Das ist überlebenswichtig für unser Land, in dem Bildung einer der wichtigsten Rohstoffe ist.

Ich möchte Ihnen heute eine Initiative meines Hauses vorstellen. Es handelt sich zweifellos um ein sehr ambitioniertes Vorhaben, das wir uns in NRW vorgenommen haben.

Ziel sind 50.000 Ganztagsplätze, vollwertige Ganztagsplätze in der Hauptschule bis 2012. Wir haben finanzielle Vorsorge getroffen für den großen Einstieg. 16 Millionen Euro sind angewiesen.

Die neue Ganztagshauptschule in Nordrhein-Westfalen soll sich deutlich von den bisherigen Angeboten unterscheiden. Sie soll

einen vollwertigen Ganztagsbetrieb in schulischer Verantwortung aufbauen,
andere Berufsgruppen in die Gestaltung des schulischen Alltags einbeziehen,
einen Beitrag zur Entkopplung des schulischen Erfolgs von der sozialen Herkunft der Kinder leisten.
Die neue Ganztagsschule soll außerdem

den Schwerpunkt auf individuelle Förderung setzen und
einen höheren Anteil des Ganztagszuschlags für die Beschäftigung von Lehrerinnen und Lehrern sowie von pädagogisch qualifizierten Fachkräften aufwenden.
Zur Veranschaulichung steht ein Beispiel für einen zeitlichen Tagesablauf an einer Ganztags-Hauptschule zur Verfügung. Außerdem liegen jeweils ein Stundenplanbeispiel für eine Klasse 5 und für eine Klasse 10 vor.

Die teilnehmenden Schulen erhalten einen 30prozentigen Zuschlag auf ihren Grundstellenbedarf.

Wir konzentrieren den Aufbau der Ganztagshauptschulen an den Stellen im Land, wo sie am dringendsten benötigt werden. Das sind vor allem die großstädtischen Ballungsräume. Viele Stadtteile sind gekennzeichnet durch außergewöhnliche Belastungen und Probleme:

hohe Langzeitarbeitslosigkeit,
schlechte Wohnumfeldbedingungen und ein
hoher Migrantenanteil.
Diese Faktoren tragen dazu bei, dass hier für viele Schülerinnen und Schüler ein höherer Förderbedarf besteht als in weniger problembelasteten Stadtteilen.

Mit der "Qualitätsoffensive Hauptschule" streben wir eine gezielte Unterstützung und Förderung an. Diese ist an Schulen im Ganztagsbetrieb besser möglich als an Halbtagsschulen:

Hier kann der Unterricht - wie die Pädagogen sagen - besser "rhythmisiert" werden:

Lern- und Entspannungsphasen wechseln einander ab.
Es kann konzentrierter gelernt werden.
Dafür stellt die Landesregierung weitere 500 Stellen, die normalerweise wegen so genannter Stellenüberhänge an andere Schulformen verteilt würden, den Hauptschulen zur Verfügung. Mit diesen weiteren 500 Lehrerstellen sollen gezielt Fördermaßnahmen vorrangig in den neuen Ganztagshauptschulen bedient werden. Es steht mehr Zeit zur Verfügung für gezielten Förderunterricht. Für Angebote außerschulischer Partner wie z.B. Jugendhilfeträger, Sportvereine, Kunst-, Musik- und Kultureinrichtungen, aber auch für Handwerker.

Deshalb werden die neuen Ganztagshauptschulen "gebundene Ganztagsschulen" mit verpflichtenden Angeboten sein. Diese Schulen werden sich dazu bereit erklären, den Schulbetrieb auf einen kompletten Ganztagsbetrieb umzustellen. Allerdings wird es zunächst möglich sein, mit zwei oder drei Jahrgängen zu beginnen.

Wir wollen in die neuen Ganztagshauptschulen bewusst auch andere Berufsgruppen einbeziehen:

Durch einen stärkeren Einsatz von Jugendhilfe, Sozialarbeitern und Sozialpädagogen sollen die Aufgaben von Lehrerinnen und Lehrern verstärkt werden.
Schülerinnen und Schülern sollen im Rahmen der Ganztagsschule auch gezielt kulturelle, künstlerische, musische oder auch Sportangebote gemacht werden, die jeweils auf das pädagogische Konzept der Schule abgestimmt sind.
In Zukunft soll ein Drittel des 30prozentigen Stellenzuschlags von diesen Schulen "kapitalisiert" werden können. So können die Schulen die zusätzlichen Angebote - je nach Bedarf und Problemlage vor Ort - als Dienstleistung "einkaufen".

Für die notwendige Erneuerung des Bildungswesens braucht das Land starke Partner. Bessere Lernleistungen und eine insgesamt höhere Bildungsqualität sind im Interesse aller und werden nur durch das enge Zusammenwirken aller Beteiligten möglich.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die Schulträger: Wir setzen darauf, dass sich die Schulträger in Nordrhein-Westfalen tatkräftig am Aufbau von neuen Ganztagshauptschulen beteiligen:

Dies kann z.B. durch Unterstützung der Schulleitungen beim Abschluss von Werkverträgen oder in Form von Beratung beim Einkaufen von Dienstleistungen erfolgen.
Die Unterstützung kann durch die bauliche Umgestaltung der jeweiligen Schule erfolgen: So sollten künftig in jeder Ganztagsschule Möglichkeiten zur Anlieferung und Zubereitung eines Mittagsangebotes und für den Verzehr des Essens geeignete Räume vorhanden sein.
Zukünftig sollen Räume in der Schule vorhanden sein, in denen Lehrkräfte ungestört arbeiten können.
Finanzielle Hilfen zum Ausbau können die Schulträger aus dem Bundesprogramm IZBB (Initiative Zukunft Bildung und Betreuung) bekommen. Wir werden es noch in diesem Jahr für den Kreis der in Frage kommenden Schulen öffnen. Kommunen in Nordrhein-Westfalen werden dann bis zu 150 Millionen Euro für notwendige bauliche Maßnahmen an den neuen Ganztagshauptschulen bekommen können.
Unsere Hauptschulen sollen sich stärker als bisher dem Thema "Berufs- und Ausbildungsreife " widmen. Hierfür wollen wir die Wirtschaft und das Handwerk als Partner gewinnen. Gemeinsam mit den Handwerksverbänden, den Industrie- und Handelskammern, mit Unternehmen und Betrieben sowie der Arbeitsverwaltung sollen den Schülerinnen und Schüler konkrete Angebote gemacht werden.

So können sie frühzeitig an bestimmte Berufsbilder und an die Arbeitswelt herangeführt werden.

Meine Bitte an die Schulleitungen und Lehrkräfte der Hauptschulen ist dabei, sich - wie bisher - aktiv und engagiert zu beteiligen. Das Ziel ist, der pädagogisch besonders anspruchsvollen Arbeit an den Hauptschulen wieder mehr Beachtung und Wertschätzung zu schenken:

Hier sind die Eltern gefordert, aber es geht ebenso um Wertschätzung der Schulform durch alle gesellschaftlichen Gruppen.

Die Leistungen und Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler sollen wieder mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken. Dafür möchte ich heute auch bei Ihnen werben.

Die Hauptschulen werden künftig mit mehr Eigenverantwortung über die für sie jeweils passenden Konzepte und Strategien entscheiden. Konkrete Entscheidungen lassen sich vor Ort nämlich am besten treffen. Hierbei wollen wir den Schulen so weit wie möglich entgegen kommen.

Wichtig ist mir vor allem, dass sich alle an diesem Prozess Beteiligten als Partner mit einem gemeinsamen Ziel verstehen und entsprechend zusammen arbeiten.

Das zweite Standbein der "Qualitätsoffensive Hauptschule" ist die Weiterentwicklung des pädagogisches Konzepts für die Hauptschule.

Ein Schwerpunkt liegt dabei auf einer soliden Allgemeinbildung. Dazu zählen selbstverständlich die so genannten Basiskompetenzen. Zu nennen sind hier

mündliche und schriftliche Ausdrucksfähigkeit,
Rechnen und Lesen.
Durch Förderung dieser Kompetenzen soll eine gründliche Vorbereitung auf den späteren Beruf erreicht werden.

Im Interesse der Schülerinnen und Schüler wollen wir den Sachverstand und das Fachwissen der außerschulischen Partner einbeziehen. Dazu werden wir in den nächsten Monaten Gespräche führen mit Vertretern

der Schulen,
der Schulaufsicht,
der Lehrerverbände,
der Wirtschaft,
dem Handwerk sowie
weiterer Partner.
Und wie immer soll bei alledem natürlich mein Leitspruch gelten: Das Maß aller Dinge ist das Wohl der Kinder und Jugendlichen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.


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