Sterbehilfe: In Würde sterben können

Ein Beitrag von Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Kardinal Reinhard Marx
Kardinal Reinhard Marx
15.12.2014 .
Das Thema Sterbehilfe geht uns alle an! Die Debatte, die wir in diesen Wochen und Monaten in der Öffentlichkeit erfahren, fordert uns heraus – als Gesellschaft, als Kirche, als Parteien. Vor allem richten wir den Blick auf die Sorgen und Ängste der Menschen, an ihrem Lebensende unnütz und einsam zu sein, an unerträglichen Schmerzen zu leiden oder nicht mehr über sich selbst bestimmen zu können. Wir brauchen keine Anleitung zum Töten, sondern wir brauchen Hilfe zum menschenwürdigen Sterben, darauf kommt es an.





Haben schwerstkranke und alte Menschen ein Recht, von ihrem Leiden erlöst zu werden, indem ihr Leben aktiv beendet wird? Eine Gruppe von Medizinern hat diese Forderung an die Politik gestellt, dass Ärzten unter bestimmten Bedingungen die Beihilfe zur Selbsttötung erlaubt werden soll. Andere gesellschaftliche Meinungen gehen noch einen Schritt weiter. Sie verweisen auf den Wert der individuellen Autonomie und for¬dern das Recht ein, dem eigenen Leben auch selbstbestimmt ein Ende setzen zu dürfen.

Wir Bischöfe sehen jegliche Formen der Beihilfe zum Suizid – sei es durch Organisationen oder durch Einzelpersonen – als ethisch nicht vertretbar an. Auch wenn dem Menschen ein unbestrittenes Recht auf Selbstbestimmung zukommt, so kann sich dieses doch nicht auf den Anfang und das Ende des Lebens als solches erstrecken: Sie sind der Verfügung des Menschen entzogen. Wir Christen glauben daran, dass Gott den Menschen als sein Abbild geschaffen und ihm eine unantastbare Würde verliehen hat. Diese Würde gründet nicht in seiner Leistung oder in dem Nutzen, den er für andere hat. Sie folgt daraus, dass Gott ihn bejaht. Aus Sorge um den Menschen setzen wir uns dafür ein, dass das Leben eines jeden Menschen – gerade auch in der Nähe des Todes – bis zuletzt geschützt wird. Würden wir die Patientenautonomie auf die aktive Sterbehilfe und die Beihilfe zur Selbsttötung ausweiten, würden wir Gefahr laufen, die fürsorgliche Begleitung und den Schutz der Würde der Schwächsten in unserer Gesellschaft zu vernachlässigen, denn darauf kommt es an. Das müsste das zentrale Thema der Debatte sein.

Ich beobachte mit Sorge, dass in Deutschland Organisationen aktiv sind, die Menschen ihre Unterstützung bei dem Wunsch nach einer vermeintlich einfachen Möglichkeit der Selbsttötung anbieten. Es muss verhindert werden, dass solche Angebote als normale gesellschaftliche Dienstleistung wahrgenommen werden. Es darf nicht möglich sein, dass Organisationen den assistierten Suizid anbieten und womöglich damit Profite machen. Auch eine Mitwirkung des Arztes am Suizid darf nicht rechtlich erlaubt werden. Sie widerspricht dem ärztlichen Ethos des Heilens. Dann kommen wir auf eine schiefe Bahn, die im Grunde Töten legitimiert.

Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass der Wunsch zu sterben oft aus Angst oder depressiven Phasen resultiert. Einen Menschen in einer solchen Situation ernst zu nehmen, kann nicht einfach bedeuten, genau das zu machen, was er äußert. Wäre es gesetzlich erlaubt, sich in solchen Lebenssituationen töten zu lassen, würde der innere und äußere Druck auf alle Schwerkranken und Pflegebedürftigen noch mehr zunehmen. Sie fühlten sich dann nicht mehr von einer selbstverständlichen Solidarität und Hilfe ihrer Mitmenschen getragen, sondern empfänden sich wahrscheinlich noch mehr als Last und unnütz, wenn sie ihren Platz nicht räumten. Hier von freier Willensentscheidung zu sprechen, erscheint mehr als fragwürdig.

Wenn wir also die Humanität schützen und die Freiheit des Sterbenden wahren wollen, müssen wir einen Schutzraum eröffnen, in dem umfassende medizinische Betreuung und helfende, liebende Annahme stattfinden. Wir werden der Würde der Sterbenden dann gerecht, wenn wir sie fürsorglich und mitfühlend betreuen. Dazu gehört, Sterbende schmerztherapeutisch zu versorgen, ihnen bestmögliche Pflege zuteilwerden zu lassen und den Tod nicht künstlich hinauszuzögern, wenn es keine Chance mehr auf Heilung gibt. Oft ist es auch wichtig, den Menschen in der letzten Phase ihres Lebens seelsorglich beizustehen.

Als Kirche drängen wir deshalb auf eine Ausweitung der Hospizangebote und eine Verbesserung der Palliativmedizin. Es kommt in diesem Zusammenhang darauf an, den Menschen die Erfolge des medizinischen Fortschritts in positiver Weise zugänglich zu machen. Das wird auch etwas kosten. Wir engagieren uns in diesem Bereich seit langem vielfältig, denn als Christen sind wir ganz besonders für die Leidenden da. Wir wollen durch unsere Einrichtungen und engagierten Mitarbeiter sagen können: Gebt uns die Sterbenden! Wir lassen sie nicht allein auf ihrem letzten Weg. Deshalb ist die Kirche selbst Träger zahlreicher ambulanter und stationärer Einrichtungen für Palliativ- und Hospizversorgung. Unter anderem stellt der Deutsche Caritasverband ein breites Angebot für schwerstkranke und sterbende Menschen und ihre Angehörigen bereit, das neben den medizinischen Anteilen auch eine zugewandte Seelsorge umfasst. Außerdem leisten viele ehrenamtliche Hospizhelferinnen und Hospizhelfer einen wertvollen Dienst, indem sie Menschen im Sterben begleiten. All dieses Engagement macht deutlich: Es ist in unserem Land möglich, in Würde zu sterben.


Die Position der Senioren-Union:


Die Senioren-Union spricht spricht sich gegen jedwede geschäftsmäßige oder durch eine Organisation durchgeführte Sterbehilfe aus.
In einem Antrag an den 27. Bundesparteitag der CDU im Dezember fordert sie, dass bei einer Neuregelung des Sterbehilfegesetzes eine klare Abgrenzung zwischen zulässigen ärztlichen Handlungsweisen und gewinnorientierter Sterbehilfe vorgenommen wird.

Zu "Souverän", dem Organ der Senioren-Union Deutschland hier klicken.


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